Die Gabe des Grauens
Mit dem Mystery-Thriller The Gift kehrt Horror-Legende Sam Raimi fast 20 Jahre nach TANZ DER TEUFEL zu seinen Anfängen zurück. Sein klassischer Genre-Grusel leistet Widerstand gegen die Beliebigkeit des Schreckens und den Schrecken der Beliebigkeit im digitalen Zeitalter.
Meine alten Filme handelten nur vom Filmemachen selbst, mit Schauspielerei oder dem Drehbuch hatten sie eigentlich nichts zu tun." Auch wenn Fans von Bruce Campbell, dem Darsteller des unvergesslich unfähigen Helden Ash aus Sam Raimis TANZ DER TEUFEL-Trilogie (EVIL DEAD/TANZ DER TEUFEL, 1982, EVIL DEAD 2/TANZ DER TEUFEL 2, 1987, und ARMY OF DARKNESS/ARMEE DER FINSTERNIS, 1993), widersprechen würden, ganz falsch liegt der Regisseur mit der Einschätzung seines Frühwerkes (anlässlich seines neuen Films THE GIFT - DIE DUNKLE GABE) nicht.
Die spottbilligen, aber hocheffektiven ersten beiden Teile der EVIL DEAD-Reihe stellen so etwas wie die letzte Bastion des Underground-Horrors dar: ein trotz der hohen Rate an abgetrennten Körperteilen geradezu unschuldiges Kino in Eigenproduktion. Während sich der erste Teil noch mit Heimwerker-Tricks und kinetischer Kameraarbeit dem Erzeugen von Beklemmung widmete, dominiert ab EVIL DEAD 2 ein von den Three Stooges inspirierter Slapstick-Faktor die Handlung: Als hätte Raimi erkannt, dass es Ressourcenverschwendung wäre, das komische Potenzial seines Hochgeschwindigkeitskino ungenutzt zu lassen.
Die erste Hälfte der Neunziger verbrachte er dann mit hübschen, besser budgetierten Varianten dieser Strategie: Das Comic-inspirierte B-Picture DARKMAN (1990), ARMY OF DARKNESS (1993) und der quietschvergnügte Italo-Western-Tribut THE QUICK AND THE DEAD (SCHNELLER ALS DER TOD, 1995) - alle sind gekennzeichnet durch Raimis hyperaktiven Stil (rasante Kamera-Trackings, Schnittexzesse an der Wahrnehmungsgrenze) und seiner liebevollen, oft ironisch überspitzten Verehrung für unterschiedlichste cineastische Vorbilder. Doch anders als seinen alten Bekannten, den Coen-Brüdern (an deren Filmen er gelegentlich mitarbeitete und die für ihn die Krimikomödie CRIME-WAVE/DIE KILLER-AKADEMIE, 1985 schrieben), gelangen Raimi mit seinen Stilmixturen keine Box-Office-Erfolge: Vielleicht nicht zuletzt ein rund dafür, dass er sich in letzter Zeit an "ernsthaften" Stoffen versucht; vielleicht will er aber auch nur jene im Eingangszitat erwähnten Unterlassungssünden wettmachen...
Wie dem auch sei - Raimis jüngste Arbeiten sind klassische Genreprodukte. Der winterliche Rachekrimi A SIMPLE PLAN (EIN EINFACHER PLAN, 1998) oder das durch Auseinandersetzungen mit dem Studio beeinträchtigte Kevin-Costner-Baseball-Vehikel FOR THE LOVE OF THE GAME (AUS LIEBE ZUM SPIEL, 1999) floppten an der Kinokasse. Mit THE GIFT, einem im besten Sinne altmodischen Mystery-Thriller, unternimmt Raimi jetzt also seinen dritten Anlauf, im Mainstream zu reüssieren.
Hauptfigur von THE GIFT ist Annie Wilson (Cate Blanchett): Seit dem Tod ihres Mannes bessert sie die Sozialhilfe, mit der sie ihre drei Söhne durchbringen muss, durch Kartenlegen und Zukunftsorakel auf. Denn Annie Wilson hat das zweite Gesicht. Allerdings ist sie kein ätherisches Medium - schon die ersten Szenen etablieren sie als Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität steht: Die Ratschläge an ihre Kunden verdanken sich oft weniger dem, was in den Karten steht, als gesundem Hausverstand und Einfühlungsvermögen. Um etwa aus den blauen Flecken und blutigen Striemen der jungen Valerie (Hilary Swank) die Schläge des Ehemannes zu erkennen, braucht es keinen Hellseher.
Das Drehbuch von Billy Bob Thornton und Tom Epperson geizt nicht mit Prachtexemplaren des Southern-Gothic-Genres: Der Gatte der Misshandelten ist ein gewalttätiger, engstirniger Redneck (die heimliche Sensation des Films: ein heruntergekommener, vollbärtiger Keanu Reeves liefert eine durchwegs überzeugende Darstellung); weiters gibt es einen leibenswerten Mechaniker, dessen psychische Instabilität ihn zur wandelnden Zeitbombe macht (Giovanni Ribisi kämpft mit der Rolle, die sich Thornton offensichtlich selbst auf den Leib geschrieben hatte); einen bodenständigen Sheriff, der sich oft mehr für Donuts als den zu bearbeitenden Fall interessiert (J.K. Simmons) sowie einen gutaussehenden, schüchternen Schuldirektor (Greg Kinnear) und dessen Verlobte, die örtliche Country-Club-Schlampe (Katie Holmes). Jene Verlobte ist es, die eines Nachts in einem der malerischen Teiche rund ums sumpfige Brixton, Georgia, verschwindet, um erst in Annies Wahrträumen wieder aufzutauchen. Pünktlich um 1:30 a.m. zeigt sich der nasse Frauenkörper dem irritierten Medium, blickt sie aus einem Auge an und bringt durch kleine Hinweise auf den Tatort ein unorthodoxes Ermittlungsverfahren in Gang. Denn mangels anderer Spuren und angesichts einer großen Zahl an Verdächtigen (siehe oben) ist die Polizei auf Annies Hilfe angewiesen.
Fernab der Hysterie, die seherisch begabte Filmfiguren gerne plagt, strahlt Blanchetts Charakter solide Vernunft aus: Sie wandelt das visuelle rauen in klare Gedanken, in Worte um, macht ihre Alpträume zu Aussagen über Menschen und Orte. Auf Plotebene wirkt sie als Therapeutin der Ortsgemeinschaft und Katalysator der Ereignisse. Zugleich ist die Figur der Annie das Gravitationszentrum des gesamten Films, das verhindert, dass sich die restlichen Figuren in den Orbit ihrer Wahnvorstellungen katapultieren und zu bloßen Karikaturen verkommen. Einer von ihren Schützlingen fasst ihre Rolle in Worte, wenn er Annie "die Seele dieses Ortes" nennt.
Vernünftig ist auch Raimis Entscheidung, den Schrecken mit klassischen Mitteln zu erzeugen: Für THE GIFT verzichtet er auf die Computergrafik-Orgien, die das Horrorgenre in jüngster Zeit fluten und greift auf die simplen, aber wirksamen Methoden zurück, die ihm schon in seinein ersten Filmen dienlich waren. Die Höhepunkte akzentuiert er mit frenetischen Kamera-Bewegungen, raschen Schnittfolgen (der Showdown, den man sich etwas weniger vorhersehbar gewünscht hätte, gewinnt aus einem Wechsel der Zeitebenen dramatische Beschleunigung) und einer klugen Auswahl der Toneffekte (da genügt schon mal ein tropfender Wasserhahn).
Vor allem hat Raimi THE GIFT ABER ALS DIE Geschichte eines verwunschenen Ortes und der Bewohner, die in seinem Bann stehen, inszeniert: Schon die Eröffnungssequenz, eine langsame Fahrt durch Sumpflandschaften, vorbei an tiefhängenden Baumriesen, wirkt durch die Negativbelichtung fremdartig. Der Himmel ist schwarz, die Äste sind hell - dieser klassische Effekt genügt, um eine Atmosphäre des Unheimlichen zu schaffen. Selbst wenn das Unwirkliche im Plot Einzug hält, verliert THE GIFT nie seine Bodenhaftung. Das Sozialgefüge und die Gruppendynamik der Kleinstadt werden minutiös geschildert. Diese Erdung im Alltag spiegelt nicht nur Raimis Absage an seine frühere Anything-Goes-Einstellung. Sie lässt sich auch als Kommentar zu den oft unglaublichen, aber ebenso beliebigen Horror-Welten lesen, die CGIs dem Genre ermöglicht haben: In Filmen wie THE CELL hat man vor lauter Lust am Generieren der Bedrohung vergessen, jene Welt drumherum mitzuschaffen, in der das Grauen erst fassbar werden könnte.
Christoph Huber