KEANU REEVES
"ICH HABE ANGST VOR DER DUNKELHEIT. IM PHILOSOPHISCHEN SINN."
Drei Filme hat der 36-jährige Schauspieler in diesem Jahr bereits gedreht. Doch die wahre Herausforderung kommt im November: Trainingsstart für Matrix 2.
Es müssen seine Bewegungen sein. Wie seine Wangenknochen arbeiten, wenn er überlegt, und seine Augenbrauen sich zu schiefen Linien (von innen unten nach außen oben) zusammenziehen. Wie er immer wieder angespannt nach links und rechts schaut, bevor er zu laufen beginnt. und dabei ein Gesicht macht, als gälte es, eine Mathematikaufgabe zu lösen. Diese Wachsamkeit, unterlegt von einer gewissen Unsicherheit.
Diese Action-untypischen Unschärfen in Mimik und Gestik müssen es sein, die Keanu Reeves quasi zum Lawrence Oliver unter den Actiondarstellern erheben. Übertreibung? Schaffen Sie's mal, mit banalen Textzeilen den Special Effects von Matrix die Show zu stehlen! Doch sich darauf auszuruhen ist nicht sein Ding. "Ich will nicht mit vierzig als einer dastehen, der nur einen bestimmten Typ spielt", meint Reeves. Deshalb hat er, bevor der Hype um Matrix 2 losgeht - im November beginnt das obligate Kung-Fu-Training, der Dreh startet im März 2001 -, gleich vier Filme abgedreht, die ihn in allen Farben und Formen präsentieren: In The Gift ist er der gewalttätige Ehemann von Hilary Swank (Boys Don't Cry). In Driven mimt er einen Basketballtrainer für Kinder. Sweet November zeigt ihn als Romantiker in einer tragischen Lovestory. Und soeben ist in den USA The Replacements angelaufen, in dem Keanu einen abgehalfterten Footballplayer spielt, der sein Leben neu ordnet.
FOOTBALL UND ERDBEEREN.
Seit Matrix gehört Keanu zu den Top-Players in Hollywood - für die Fortsetzung kassiert "Sanfte Brise über den Bergen", wie Keanu auf Hawaiianisch heißt, die stürmische Summe von 15 Millionen Dollar plus Gewinnbeteiligung. Gleichzeitig ist er als Exzentriker bekannt: Er läuft auf keinen Starparties rum, besitzt nicht einmal ein eigenes Haus und außer seinem Motorrad kein Fahrzeug. Lieber lebt er aus dem Koffer, im Wohnwagen am Filmset oder bei seiner Familie. Und wenn er Interviews gib, wird nicht Smalltalk betrieben. Stattdessen gibt es bevorzugt Kryptisches. Interviewer: "Ist ein Interview zu geben schwieriger als Football spielen?" Keanu: "Hmmm. Gleicht ein Apfel oder eine Orange mehr einer Erdbeere?"Nur, wenn es um seine Arbeit geht, wird er gesprächig. "Mir ist der Akt des Schauspielens wichtiger als der ganze Zirkus drumherum", meint er. Das Beste an seinem Beruf: "Du kannst innerhalb kurzer Zeit so viele Erfahrungen machen. Dazu kommen andere in einem ganzen Leben nicht." Man kann ein Footballheld sein. Die Welt vor bösen Robotern retten. Oder die dunklen Abgründe seines Ichs erkunden. "Es war nicht schwer, einen prügelnden Ehemann zu spielen", erzählt er von den Dreharbeiten zu The Gift, "sondern interessant, diese Seite meiner Persönlichkeit zu erforschen. Es hat Spaß gemacht."
REISE INS ICH.
Da macht es auch nichts, wenn Kritiker betonen, Keanu Reeves sei "nun wirklich nicht einer der besten Schauspieler Hollywoods". Er ist, das erkennen sogar seine Feinde an, einer der begeistertsten und einer von denen, die sich am weitesten auf ihre Rollen einlassen. Reeves taucht tief ein und geht manchmal beinahe darin unter. Er quält sich wochen- und monatelang bei hartem körperlichem Training (zwei Monate für The Replacements, vier für Matrix) und sucht nach Gedanken, mit denen sich die Figuren wohl beschäftigen mögen. Von seinen Charakteren nimmt er nach Drehschluss immer ein Stück mit. "Eigentlich geht ja nur die Person, die man spielt, auf diese Reise", versucht er zu erklären, "aber man geht auch selbst ein ganzes Stück mit, und danach ist man ein anderer."
Das viele Geld, das er inzwischen in seinem Job kassiert, ist kein Gesprächsthema. "Ich mach' das alles nicht für Geld", meint Keanu. "Ich nehme ein Angebot an, weil es mir gefällt." Bei dem Kontostand und der Erfolgsliste müsste man ohnehin nicht mehr nachdenken ... "Stimmt nicht", widerspricht er, "man muss sich immer Gedanken machen." Auch wenn man finanziell so sicher dasteht? "Tu' ich das?" fragt er, und seine Augenbrauen verziehen sich zu den berühmten Linien (von innen unten nach außen oben ...). "Ich bin mir da nicht so sicher."
Es ist schließlich alles relativ. Auch Erfolg. Denn so gerne er Schauspieler ist, behaupten jedenfalls Keanus Freunde, er wäre viel lieber Rockmusiker. Doch als Bassist seiner Band Dogstar war Keanu noch kein großer Erfolg beschieden. In diesem Sommer ging er mit seinen Kumpels auf eine Minitour durch die USA, wurde endlich mal wieder nervös ("Manchmal ging es, aber dann wieder hingen meine Nerven in Fetzen herunter"), hielt sich bescheiden mit seinem Bass im Hintergrund und freute sich, wenn an guten Abenden ein paar BHs uaf die Bühne flogen.
Mit Klischees und dem Bild vom abgebrühten Hollywood-Millionär kommt man bei Keanu Reeves eben nicht weit. Wer eigentlich etwas anderes machen will, der kann den ganzen Film-zirkus mit mehr Abstand betrachten. Und wer private Probleme hat, die sich mit Ruhm und Geld nicht lösen lassen, der tut sich ohnehin leichter, am Boden zu bleiben.
Und in Sachen Probleme hat Keanu gleich die Hardcore-Variante ausgefasst: einen Vater, den Hawaiianer Samuel Reeves, 56, der die Familie vor über zwanzig Jahren sitzen ließ, wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis saß und nun reihenweise Interviews gibt, in denen er seinen berühmten Sohn anfleht, sich doch bitte zu melden. Keanu, trocken: "Ich wünsche ihm alles Gute und dass er sein Leben auf die Reihe bringt." Getroffen hat er ihn aber bis jetzt noch nicht. Zu tief sitzt die Enttäuschung, dass sein Vater ihn jahrelang gemieden hat und erst jetzt sehen will, seit er in der Zeitung von Keanus Millionengagen für Matrix liest.
Noch ein Problem: der Tod seiner Tochter Ava, die vergangene Weihnachten sechs Wochen zu früh zur Welt kam und die Geburt nicht überlebte. Die Beziehung zu Avas Mutter, der Schauspielerin Jennifer Symes, war schon lange nur noch auf dem gemeinsamen Kind aufgebaut und ging im Zuge der Trauerarbeit in die Brüche. Und wenn das Schicksal zuschlägt, dann gleich knüppeldick: Kurz nach Avas Tod erkrankte Keanus 33-jährige Schwester Kim an Leukämie - Keanu zog auf der Stelle zu ihr und verlässt seitdem nur zu Dreharbeiten ihre Seite.