Stefan und Wolfgang bei der Tour de France
Schon seit langem hatten Stefan und ich beschlossen, zur
Tour de France zu fahren. Lance Armstrong hatte ja die Chance, als Erster 6 Mal
die ‘Grande Boucle’ zu gewinnen. Das Bergzeitfahren von Bourg d’Oisans über
die legendären 21 Kehren nach Alpe d’Huez bot sich dazu besonders an, da
dabei die Fahrer in 1 Minuten-Abständen starten und nicht alles nach einigen
Minuten vorbei ist.
Montag, 19.7.
Abfahrt Reichenau, 5 Uhr. Wir fahren zügig über den Semmering, Bruck an der Mur, Graz, die Pack. Bei Völkermarkt überwältigt uns der Hunger und wir legen eine Frühstücksrast ein. Bei bestem Wetter geht es weiter, doch bei der Abfahrt Klagenfurt West nahe Minimundus verfahre ich mich 2 Mal wegen einer Baustelle: Kärnten möchte uns nicht loslassen. Ab der Grenze bei Thörl Maglern geht dann richtig flott weiter, der ewige Baustellen-Slalom hat für hunderte Kilometer ein Ende. Hier zeigt sich so richtig der Vorteil des Tempomats, die Tachonadel steht machmal für –zig Kilometer wie eingefroren. Bei Mestre einige Kilometer zäher Verkehr, wir legen eine Mittagspause ein. Weiter geht es wie im Flug vorbei an Padova, Verona, Brescia. Gern würde ich die Landschaft ausgiebiger betrachten, aber Spur wechseln und bremsen tut das Auto leider doch nicht automatisch. Bei der Mautstelle vor Mailand finde ich nicht schnell genug die Durchfahrt wo man auch bar zahlen kann. Sie lassen mit nach Betätigen des ‚Hilfe’-Knopfes trotzdem weiterfahren, ich freue mich schon, dass ich ca. 10€ Maut gespart habe (wie naiv!). Am frühen Nachmittag fahren wir dann wie geplant bei Novara ab und suchen den Campingplatz bei Galliate am Fluss Ticino. Der ist dann idyllisch vergammelt. Es stehen viele Camper herum, die schon jahrelang nicht mehr benutzt wurden, aber das Bad ist in Ordnung und die Pizzeria auch. Als wir im Ticino baden wollen, der an dieser Stelle überraschend tief und reißend ist (eine kleine lokale Stromschnelle), scheuchen wir eine Natter im Wasser auf, die zuvor ihren Kopf auf einem Steinblock gesonnt hatte. Später zu Hause wird mich Eva aufklären, dass das eine Würfelnatter war. Nach einem Bad im Pool des Campingplatzes und einer guten Pizza, begleitet (in meinem Fall) von Rotwein haben wir die nötige Bett- oder vielmehr Luftmatratzenschwere, sodass wir trotz der kleinen sirrenden Quälgeister im Zelt rasch einschlafen können.
Dienstag, 20.7.
Aufbruch ca. 7 Uhr. Ab Turin fahren wir weiter – noch auf der Autobahn – Richtung Susa in einem riesigen Tal hinein in die Alpen. Von Sauze d’Oulx geht es auf der Bundesstraße auf den Grenzpass Col du Mont Genèvre. Oben kurz nach dem Ort Claviere sind wir in Frankreich. Die Flanke des Passes Richtung Westen ist sehr steil und die enge Straße windet sich in vielen Serpentinen hinunter. Trotz der Steilheit kommen uns vieleRadfahrer entgegen, auch mit schwerem Gepäck. Von Briançon an geht es auf die Route Nationale 91, auf der wir bis zur Auffahrt nach Les Deux Alpes fahren werden. Leider können wir die riesigen Berge, vor allem im Süden, nur ahnen, da es mittlerweile schauerartig zu regnen begonnen hat. Wir überqueren den Pass Col du Lautaret. Danach, ungefähr bei La Grave, hört es zu regnen auf und später wird es wieder richtig sonnig. Wir staunen immer mehr über die vielen Radfahrer, die wir treffen, es müssen insgesamt hunderte gewesen sein. Vom Lac du Chambon, einem Stausee, zweigt die Straße hinauf nach Les Deux Alpes ab, wo wir ein Hotelzimmer für zwei Nächte gebucht haben. Kurz nach Mittag checken wir im Hotel La Carlina auf der Hauptstraße ein.
Stefan auf der Hauptstraße in Les Deux Alpes nahe unserem
Hotel La Carlina, bald nach der Ankunft.
Stefans Herz beginnt schneller zu schlagen, als er gleich
neben dem Hotel einen Servicewagen vom Team Rabobank entdeckt. Dort wartet ein
Mechaniker die Ersatzmaschinen des Teams. Der Ort wimmelt vor Leuten, meist sehr
jungen. Am Abend wollen wir dann noch – mit dem Auto – nach Bourg
d’Oisans fahren und uns erkundigen, ob man am Tag des Zeitfahrens in der
Früh noch mit dem Rad hinauffahren kann. Doch einige Kilometer vor Bourg
d’Oisans ist Schluss, wir können nicht weiter. Ein Straßenrand der N91
ist vollständig zugeparkt, auch die Wiesen neben der Straße. Es kommen immer
noch weitere Autos, die einen Standplatz suchen. Wir drehen um, da wir nur mehr
zu Fuß weiter hätten können.
Mittwoch, 21.7.
Der große Tag ist da! Wir packen das Notwendigste in unsere Rücksäcke. Vor uns liegen die Abfahrt nach Bourg d’Oisans und dann der Aufstieg mehr als 1000 Meter über die berühmten 21 Kehren nach Alpe d’Huez. Um 6 Uhr fahren wir los, gleich am Ortsende treffen wir auf eine Gruppe von Amis, die ebenfalls Lance Armstrong sehen wollen. Auf der Straße sind keine Autos, alle Zufahrten nach Bourg d’Oisans sind ja im Umkreis von –zig Kilometern gesperrt. Unten im flachen Tal, wo auf einer Seite der Straße kilometerlang Autos und Camper stehen, sind tausende Leute zu Fuß und per Rad in unsere Richtung unterwegs. Wir müssen uns manchmal langsam durchschlängeln. Plötzlich überholt uns ein Radfahrer mit einem flatternden Österreich-Wimpel im Rucksack. Wir fahren nach und fragen, woher er kommt. Er gehört zu einer Gruppe von drei Zillertalern aus Fügen, die schon einige Tage die Tour begleiten. Am Beginn der Auffahrt (gleich einmal ca. 10% steil) zieht Stefan weg. Ich nehme mir vor, immer etwas langsamer zu fahren als ich glaube fahren zu können, ich bin ja noch nie so hoch in einem Stück gefahren. Stefan dagegen hat schon Glockner-Erfahrung. Es geht immer zwischen Fußgängern durch, vorbei an Radfahrern, Gendarmen (alle 100- bis 200 m). Manchmal müssen wir Platz machen (à droite, à droite!), weil irgend ein Auto von der Tour-Karawane uns überholt oder entgegenkommt. Neben der Straße, auf den unmöglichsten Stellen, kriechen Leute unter Planen hervor (es ist ja erst knapp nach 7 Uhr), die hier übernachtet haben müssen, um einen guten Platz zu haben. Da es immer etwas zu schauen gibt, merke ich kaum die Anstrengung. Die Straße ist bereits ein einziges Grafitti, aber immer noch findet sich Platz, wo noch etwas aufgemalt wird. Ca. 3 Kilometer vor dem Ziel läutet mein Händi: Stefan meldet, dass er bereits oben ist.
Ein Profi-Fotograph hat Stefan im letzten Teil des Aufstiegs erwischt. Er hat ihm während der Fahrt eine Karte gegeben, mit der wir dann das Foto über das Internet bestellt haben.
Genau 1 km vor dem Ziel ist Schluss für mich, die Straße ist durch das Aufstellen der Flamme Rouge (Teufelsfetzen) blockiert. Bis das fertig ist, möchte ich nicht warten. Stefan war bereits 15 bis 20 Minuten früher da und konnte noch ungehindert weiterfahren.Wir rollen also wieder hinunter (wie angenehm!) und beschließen, uns einen Platz hinter den Barrieren zu suchen. Stefan entdeckt einen etwa 2 km vor dem Ziel, der sich als geradezu ideal herausstellen wird: vor dem Postamt von Alpe d’Huez.

Vor dem Postamt in Alpe d'Huez. Wie man sieht, sind noch nicht sehr viele Zuschauer da, es hat sich ausgezahlt, dass wir so früh aufgebrochen sind.
Wir können auf einer Holzabsperrung bequem sitzen, es sind drei Schritte zur Barriere nach vorne. Noch ist es nicht gesteckt voll, und es sollte auch nie richtig eng werden. Es herrscht eine sehr freudig-erwartungsvolle Stimmung. Gegenüber von uns ist eine Boucherie, bei der wir uns mit Baguettes versorgen, 50 m weiter oben das Rathaus des Ortes, wo wir das WC benützen können.

Es sind noch sehr viele Zuschauer in Richtung Ziel unterwegs. Die Dame hinter dem Tisch am linken Bildrand verkauft Sonderbriefmarken und Briefe anlässlich des großen Ereignisses.
Am Anfang sind wir im Schatten, ab ca. 10 Uhr brennt dann die Sonne herunter. Genau gegenüber von uns auf der anderen Straßenseite verkürzt uns eine Gruppe von Oranjes mit Liedern und Tänzchen die Zeit. Irgendwann beginnt ein Lautsprecher zu plärren, der uns später mit Infos über den Rennverlauf versorgen wird. Immer noch kommen Leute vorbei, die meisten in Richtung hinauf, einige aber schon wieder herunter auf der Suche nach einem Platz: Kinder mit ihren Eltern, Angehörige aller möglichen Nationen, natürlich viele Amis, die man gleich an ihrem Aufputz erkennt. Einmal kommt ein Tandem vorbei, ein Stoff-Känguruh von ca. 1 m Größe klammert sich an den hinteren Fahrer (woher die wohl kamen?). Ungefähr ab 10 Uhr lassen die Gendarmen niemand mehr hinunterfahren, alle müssen sich einen Platz hinter den Barrieren suchen. Bei uns wird es wie gesagt trotzdem nicht eng, wir können immer nach Belieben entweder sitzen oder vorn an der Barriere stehen.

Jetzt sind die Barrieren dicht, es kommen bereits die ersten offiziellen Fahrzeuge vorbei.

Zwei Reichenauer in Alpes d'Huez
Um 12 Uhr kommt dann der langerwartete erste Wagen der Werbekarawane. Er wird begeistert akklamiert.


Um 14 Uhr meldet der Sprecher den Start des ersten Fahrers, des letzten im Gesamtklassement. Etwa 45 Minuten später kommt er bei uns vorbei und das Publikum bejubelt ihn stürmisch. Von da geht es ca. in Minutenabständen: zuerst ein Motorrad (das dem Fahrer weiter unten, wo keine Barrieren sind, den Weg frei-fahren muss) und knapp dahinter der Fahrer, entweder „auf dem letzten Zahn fahrend“ oder manchmal erstaunlich locker wirkend.

Axel Merckx, der Sohne des legendären Champions
Ungefähr um 16 Uhr 45 kommen dann die Favoriten wie Ulrich, Basso u.s.w. Lance ist nicht der letzte, obwohl er unten 2 Minunten nach dem vorletzten gestartet ist, er hat ihn kurz unterhalb unseres Platzes überholt. Nun rasen sie knapp hintereinander bei uns vorbei.

Gerhard Totschnig aus dem Zillertal. Ob er unsere Anfeuerungs-Rufe wohl gehört hat?

Richard Virenque bringt die Begeisterung zum Kochen

Jan Ullrich, auch er wird begeistert angefeuert

Lance Armstrong, der schnellste, auf dem Weg zu seinem sechsten Tour de France Gesamtsieg. Wir waren ein bisschen langsamer, aber wir mussten auch unsere Rucksäcke hochschleppen und die Räder waren auch schwerer, sonst ...........
Nach dem Ende des Bewerbes löst sich alles schnell auf. Auch wir schauen, dass wir wegkommen. Auf den ersten Kilometern der Abfahrt nach Bourg d’Oisans strömen uns die Leute, die oben ihr Auto haben oder Quartier haben, in dichten Trauben entgegen. Die Fahrt gestaltet sich sehr langsam, einmal werden wir von den Gendarmen zu Absitzen gezwungen. Ein Mann läuft zu Fuß mit einer riesigen Kuhglocke umgehängt die Straße hinunter, vielfach auf Abschneidern und ist praktisch ebenso schnell wir wir auf den Rädern. Wir hören das Gebimmel kilometerlang. Im mittleren Teil der Abfahrt geht es dann flotter, die unteren Kilometer sind wieder mühsam: hier strömen alle nach unten ins Tal. An einer Stelle ist die Straße von einer stehenden Autokolonne verstellt (ein Teil der Werbekarawane, die nach unten will). Daneben schieben sich Fußgänger hinunter, vermischt mit Radfahrern. Dann kommt uns noch ein Motorrad der Gendarmerie entgegen, irgendwie schafft er es, nach oben zu kommen, ohne Schimpfen. Kurz vor 19 Uhr sind wir endlich unten im Flachen. Ca. 5 km geht es praktisch eben, dann beginnt der Aufstieg zuerst auf der N91 bis zum Lac du Chambon, von dort die 10 Serpentinen nach Les Deux Alpes hinauf. Insgesamt wieder ca. 900 Meter Höhenunterschied. Der Aufstieg zieht sich und zieht sich. Im langen Tunnel unter der ‚rampe des commères’ dröhnt jedes Auto (auch wenn man es lange noch nicht sieht, denn der Tunnel macht eine Kurve) wie wenn man direkt unter einer Autobahn durchfahren würde. Als ich endlich am Lac du Chambon bin, habe ich zwar noch 2/3 der Höhenmeter zurückzulegen, bin aber trotzdem erleichtert. Jetzt gibt es praktisch keine Autos mehr, nur hin und wieder einen Radfahrer. Kurz vor 21 Uhr fahre ich in den Ort ein, es beginnt finster zu werden. Stefan ist schon längst im Hotel. Wir sind beide müde, aber eine Crêpe in einem Schnellrestaurant geht sich noch aus, bevor wir ins Bett fallen. Zwei Minuten später merke an seinen tiefen Atemzügen, dass Stefan bereits im Land der Träume ist.
Donnerstag, 22.7.
Nachdem wir die Hotelrechnung bereits am ersten Tag bezahlt hatten, können wir schon um 6 Uhr aufbrechen. Es geht wieder sehr flott dahin, diesmal können wir jedoch die Bergriesen südlich und nördlich der N91 bewundern. Bei La Grave scheinen die Gletscher an der Nordflanke der Meije direkt über uns zu hängen.

Stefan um 7 Uhr in der Früh auf dem Col du Lautaret. Der Pass ist etwas über 2000 m hoch. Im Hintergrund die fast 4000 m hohe 'Meije'. Im Hintergrund senkt sich das Tal in Richtung La Grave und Boug d'Oisans, im Rücken von mir geht es in Richtung Briançon und Italien.
Bei Turin bremst uns ein Stau wegen eines Unfalls ein. Wieder gelingt es mir gegen meine Absicht, bei einer Mautstelle ohne Bezahlung durchzukommen, wie schon auf der Herfahrt am Montag. Kurz vor Brescia lese ich auf einer elektronischen Anzeige, dass ab der nächsten Abfahrt alle von der Autobahn runter müssen, weil diese wegen eines Unfalls blockiert ist. Daher fahren wir kurz vor dieser Abfahrt auf eine Raststelle – es ist eh gerade Mittag. Auf der Autobahn staut es sich dann bis hinter die Raststätte zurück und wir können nach dem Mittagessen nicht mehr auffahren. Doch einige Minuten später kommt Bewegung in die Kolonne und es geht weiter. So haben wir also statt im Stau zu stecken gemütlich Mittagessen können! Den Rest legen wir ohne Hindernisse zurück. Kurz vor 22 Uhr sind wir wieder zu Haus in Reichenau.